Mit Leib und Seele

| 30. November 2013 | 6 Comments

Mit Leib und Seele

Eigentlich wollte sie nur einen weiteren Kommentar zum Karriereende von Diana Dierich und Yasmin Sroka schreiben. Kurz sind ihre Kommentare nie, dieser wurde aber besonders lang. Es wurde gleich ein ganzer Artikel. Katrin von der Bey-Löhmann hält ein Plädoyer für die Psyche.

Jeder Sportakrobat macht irgendwann Schluss. Dafür gibt es immer irgendwelche persönlichen Gründe. Sie können sehr unterschiedlicher Art sein. Auch die Reaktionen auf das sportliche Aus und auf seine Begründung fallen unterschiedlich aus…

So ist ein Ende leicht nachvollziehbar aufgrund der Unvereinbarkeit des Sports mit zum Beispiel der Berufsausbildung. Der Sportler hört auf, weil er eben muss. (Nicht etwa, weil er will…)

Auch der Körper erzwingt oft das Ende: aufgrund einer Verletzung etwa oder weil die Knochen einfach nicht mehr mitmachen. Das passiert, weil der Körper jahrelang sehr gefordert wurde und/oder weil mit gewissem Alter die körperliche Eignung einfach nicht mehr gegeben ist. Auch hier hört der Sportler auf, weil er eben muss. (Nicht etwa, weil er will…)

Die Belastung in der Sportakrobatik ist für zum Beispiel ein Sprunggelenk sehr groß. Wenn der Stoffwechsel in und um dieses Gelenk bei einem Sportler nicht (mehr) ausreicht, um die Zellen angemessen zu versorgen und gleichzeitig die ständigen kleinen Traumen zu heilen – tja, dann geht der Fuß mit der Zeit in die Knie.

Manche Körper stecken die hohe Belastung weg. Glück gehabt! Andere nicht. Wer entscheidet dann, ob Schluss zu machen sei oder nicht? Der persönliche Wille des Sportlers? Eher nicht, nein: Die Umstände geben die Entscheidung zur Beendigung der sportlichen Aktivität vor.

Unabhängig vom sichtbaren oder unsichtbaren Befund gilt: Wenn diese körperliche Teil-Funktion (Sprunggelenk) unzureichend und/oder der Schmerz zu groß ist, ist das Ende da. Der Sportler erklärt: Ich mache Schluss, denn ich (mein Fuß) kann nicht mehr. Ich brauche meinen Fuß noch und will ihn nicht weiter schädigen.

Niemand reagiert auf die Nachricht vom Ende mit erstens dem Ignorieren des Fußproblems und zweitens der Aussage: „Der Sportler will nicht mehr turnen.“ Das wäre ja auch eine Missachtung des Sportlers. Und auch seiner vorangegangenen Leistungen.

Hat die Seele auch was wegzustecken?

Dass die psychische Belastung bei der Sportakrobatik (auf hohem Niveau) ebenfalls eine extreme Belastung darstellt, ist offensichtlich.

Manche Seelen stecken das weg. Glück gehabt! Andere nicht. Wer entscheidet, ob die Psyche diese Belastung wegsteckt oder nicht? Der persönliche Wille des Sportlers? Nein.

Und genau wie beim Fuß gilt: Wenn eine psychische Teil-Funktion unzureichend und/oder der „Schmerz“ zu groß ist, ist das Ende da.

Die Psyche ist auch nur eine Art Fuß.

Ein Fuß wird durch Bänder und Muskeln, die Psyche durch chemische Botenstoffe und elektrische Impulse bewegt und gestützt. Alle diese Dinge sind Bestandteile unseres Körpers. Und sie tun nicht immer, was wir wollen. Sie tun sogar manchmal genau das, was wir nicht wollen.

Und so kommt es, dass wir manchmal Dinge nicht tun können, obwohl wir durchaus gerne wollen.

Mitgefühl und Verständnis erfahren vor allem Sportler, die Schluss machen, weil zum Beispiel Berufsausbildung oder Alter es verlangen, oder weil der Körper nicht mehr mitspielt.

Wenn aber die Psyche nicht mehr mitspielt und Sportler ihrer (untrennbar: seelisch-körperlichen) Gesundheit wegen ein Ende machen, scheint das von manchem ganz anders wahrgenommen zu werden. Widerspruchslos hingenommen werden Kommentare wie: Solche Sportler hätten wohl vergessen, was Leistungssport bedeutet. Und dass sie quasi grundlos einfach nicht mehr weiterturnen wollen.

In diesem Fall passiert genau das, woran im Fall eines Fußproblems niemand auch nur im Traum denken würde: Erstens den eigentlichen Grund des Aufhörens (Psyche) kurzerhand zu ignorieren und zweitens zu sagen: Der Sportler will einfach nicht mehr turnen. Was ist das? Ein Schlag ins Gesicht des Sportlers. Eine Missachtung seiner Person sowie seiner vorangegangenen Leistungen.

Sportpsychologie ist bestimmt ein interessanter Fachbereich. Für andere Disziplinen als die deutsche Sportakrobatik, wie es scheint… Denn da gilt in vielen Köpfen noch: Was dich nicht umbringt, macht dich stark! Hop oder top – dazwischen ist nicht viel. Vor allem kein Platz für Psychisches.

Mit Leib und Seele!

Wie klingt das schön: Sich mit Leib und Seele für große Ziele einsetzen…

Leib (Körper) und Wille werden nie miteinander verwechselt. Es ist klar, dass Körper und Wille nicht ein und dasselbe sind.

Sind denn Wille und Seele (Psyche) ein und dasselbe? Keinesfalls! Wie kann es sein, dass Wille und Seele derart verwechselt werden? Dass Menschen missachtet werden, die sich für große Ziele eingesetzt haben. Ziele, welche sie zudem erreicht haben! Ziele, die andere nie erreichen werden. Sie sind dorthin gelangt mit vollem Einsatz: Mit Leib und Seele – und einem bewiesenermaßen wirklich starken Willen!

Wie schön, dass wir in diesem Land (und auch auf akrobastisch.de) das Recht auf weitgehend freie Meinungsäußerung genießen. Es ist aber nicht zu verwechseln mit dem Recht darauf, Menschen zu verletzen. Man kann natürlich trotzdem auch davon Gebrauch machen – durch Kommentare zum Beispiel: Kommentare, welche übrigens über ihre (zum Teil anonymen) Verfasser weit mehr aussagen, als über die Personen, die Anlass und Gegenstand der Kommentare sind… Es ist eine Enttäuschung zu erleben, wie leichtfertig und unbedacht ein Sportler in der offenen Wunde des anderen bohrt.

Es ist für mich genau so, als würde einer dem anderen schonungslos auf dessen ohnehin verletzten Fuß herumtrampeln. Sch…ade finde ich das!

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Comments (6)

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  1. Albert sagt:

    Mal über den Text gesehen: Ich finde, auch die Bildmontage passt sehr gut!

  2. Phuong sagt:

    sehr treffend beschrieben und nachvollziehbar ! respekt für dieses super plädoyer!

    ich denke keiner wollte Yasmin aufgrund des aufhörens beleidigen oder irgwas andres in die schuhe schieben. ich selbst und weitere kommentatoren haben ihr viel glück auf weiteren wegen gewünscht 🙂

    viel mehr hat mich (uns) verärgert, dass der Grund des Aufhörens auf die Trainer geschoben wurde, von Personen die nicht mal ihren Namen nennen und zu ihrer Aussage stehen, die ein Trainerteam oder ganzen Verein ins schlechte Licht rückt.

  3. Anna sagt:

    Der Artikel ist wirklich sehr gut. Er erinnert mich an meine Situation vor einem Jahr. Ich wollte auch nicht und musste.Bin gerade zurück aus der Reha. Der Sport war mein Leben nun muss es anders weiter gehen.Ich lese gern über meinem geliebten Sport und auf dieser Seite kann ich ihm immer noch ein Stück nahe sein. Danke

  4. Brit sagt:

    Danke für diese großartige Analyse !

  5. Claudia sagt:

    Wie wunder-voll treffend geschrieben! WOW!!!
    Alle Achtung!!! 🙂

  6. Sportlermama sagt:

    … einfach nur klasse!!!

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