EM-Nachlese: Sportakrobatik, quo vadis?

| 9. Oktober 2009 | 2 Comments
Katie Axten

Über die sportlichen Leistungen bei der Europameisterschaft in Vila do Conde wurde inzwischen genug berichtet. Mit einigen Tagen Abstand will ich nun ein kleines Resümee wagen über die EM 2009 entlang der Frage, wie sich unsere schöne Randsportart eigentlich der Außenwelt präsentiert und ob da vielleicht noch Verbesserungspotenzial besteht.

Unzumutbares Mammutprogramm

Bei den Junioren und Senioren gab es über vier Tage insgesamt mehr als 40 Stunden Sportakrobatik. Das ist selbst für einen eingefleischten Fan fast zu viel und geht hart an die Toleranzgrenze. Für alle Beteiligten – Sportler, Trainer, Kampfrichter, Funktionäre, Organisatoren – ist so ein Zeitplan eine Zumutung.
Die Veranstaltung wird der Wettkampfordnung angepasst. Das geht auf Kosten der Attraktivität. Eigentlich muss es doch umgekehrt sein: Die Wettkampfordnung sollte so gehalten sein, dass eine kurzweilige Veranstaltung zu Stande kommt, die Publikum und Medien in die Halle lockt. Deren Desinteresse scheint die entscheidenden Gremien aber nicht zu stören.
Auch wenn bei den Finals die (nicht allzu große) Halle relativ gut gefüllt war, so herrschte doch meist gähnende Leere auf vielen Tribünen im Pavilhão Desportivo da Vila do Conde. Wen wundert’s angesichts eines solchen Mammutprogramms? Nach zehn Stunden ist auch der Wettstreit der besten Sportakrobaten Europas nicht viel aufregender als eine bayerische Meisterschaft.

Qualifikation vs. Finale

Warum werden eigentlich bei den Junioren und Senioren die Balance- und Tempo-Medaillen nicht direkt nach der Qualifikation verteilt? Nun ja: Die Austragung "kleiner" Finals macht aus Gründen der leichteren Vermarktung durchaus Sinn. In über der Hälfte der Disziplinen zogen aber alle teilnehmenden Nationen in die Finals ein. Die Qualifikation diente lediglich dazu, die schlechteren Formationen der doppelt vertretenen Nationen herauszufiltern.
Wenn man also in den verschiedenen Finals, in die jeweils acht Formationen einziehen dürfen, angesichts der geringen Teilnehmerzahlen oft alle Kandidaten des Vorkampfes wiedersieht, führt das ein Finale ad Absurdum. Ein Endkampf der besten Vier würde hier der Bedeutung eines Finales viel eher gerecht werden.
Eine klare Linie mit jeweils vier Finalisten würde auch wesentlich besser nach außen wirken als völlig unterschiedliche Siegerlisten wie diesmal (bei den Senioren) mit acht Damengruppen und Herrenpaaren, aber nur sieben Damenpaaren, sechs Herrengruppen und fünf (!) Mixed Paaren. Die Ermittlung eines Europameisters in Disziplinen, in denen nicht mal vier Nationen antreten (so der Fall bei den Herrengruppen Junioren), ist überdies fragwürdig. Hier sollten die Kandidaten ihr Programm lediglich außer Konkurrenz vorführen.

Wechselhafte Bestimmungen

Erst seit 2007 verfolge ich internationale Meisterschaften, trotzdem geht es jedes Jahr anders zu: Hier gibt es "kleine" Finals, dort nicht. Mal dürfen mehrere Vertreter einer Nation ins Finale einziehen, mal nur einer. Wird ein echter Mehrkampf ausgetragen oder geht es im "großen" Finale von Null los? Da blickt doch keiner mehr durch. UEG und FIG müssen sich dringend auf gleiche Standards einigen und dann endlich Kontinuität in ihre Bestimmungen bringen. Fachfremden Zuschauern gibt unser Sport mit seinem komplexen und schwer durchschaubaren Wertungssystem ohnehin schon Rätsel auf, bei solchen Fragen steigen aber regelmäßig auch Insider aus.

Fragwürdiger Medaillensegen

Bei den Junioren und Senioren wurden 90 Medaillen verteilt, 15 weitere bei der Jugend. Insgesamt also 105 Medaillen, davon 35 goldene. Das ist die Folge der (Wieder-)Einführung "kleiner" Finals in Balance und Tempo. Das kann man gut oder schlecht finden: Einmal ist es eine gute Sache, wenn auf diese Weise auch Außenseiter wieder eher die Chance haben, gelegentlich aufs Treppchen zu kommen. Nie hat man in den letzten Jahren die Hymne von Aserbaidschan gehört, deren Goldmedaille im Damenpaar Senioren eine großartige Sache ist. Auch weniger renommierte Nationen durften in Portugal mal aufs Treppchen. Der andere Standpunkt: Es steht zu befürchten, dass die dreifache Anzahl an Medaillen der Sportakrobatik eher schadet denn nützt. Eine Randsportart wie die unsere braucht vielmehr wenige, herausragende "Stars", die man in der Öffentlichkeit vermarkten kann, als eine breite Masse an Siegern. Die Entscheidung für zusätzliche Medaillen in Balance und Tempo könnten in diesem Sinne ein Schritt in die falsche Richtung sein.

Mangelnde Zuwendung

Apropos Richtung: Die vielleicht unverständlichste Entscheidung von allen bei dieser EM war die Vorgabe, dass die Sportler zum Kampfgericht turnen müssen. Sicher wird es dafür einen Grund gegeben haben. Dieser kann aber nicht triftig genug gewesen sein, um diese Entscheidung zu rechtfertigen. Die Sportakrobatik wendet sich demonstrativ vom Publikum ab. Kein Wunder, wenn auch die Zuschauer wegschauen.

Revidierte Wertungen

Zu guter Letzt nochmal zum leidigen Thema rund um die Wertungen. Es gibt da also diese Instanz, die die Macht hat, sich über alle Noten der einzelnen Kampfrichter hinwegzusetzen und diese zu ändern. Das ist die Superior Jury, die sich aus den Mitgliedern des Technischen Komitees für Sportakrobatik in der UEG zusammensetzt.
Tatsächlich machten die von ihrer Macht auch mehrmals Gebrauch und revidierten die Noten der "normalen" Kampfrichter, nachdem diese schon über die großen Schirme in der Halle getickert waren. Zu Recht oder nicht spielt jetzt mal keine Rolle. Leider flimmern diese korrigierten Wertungen dann nur kurz über die Bildschirme. Viele Zuschauer und manchmal sogar die betroffenen Sportler bekamen das nicht gleich oder sogar gar nicht mit. Solch wichtige Informationen müssten deutlicher kommuniziert werden. Noch besser wäre es allerdings, wenn die Superior Jury jede Note vor deren Veröffentlichung eingehend prüft und man sich dann darauf auch verlassen kann. Dafür würde man sogar (noch) längere Wartezeiten auf die Wertungen in Kauf nehmen.

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Category: EM 2009 in Vila do Conde

Comments (2)

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  1. Fan sagt:

    Viel spannender??? …wenn immer die selben Nationen ins Finale kommen und man die ersten 2 Übungen nur turnt, dass es im Finale wieder von Null los geht? Niemals!

  2. Nobbe sagt:

    Diesen Bericht stimme ich vollkommen zu! Die kleinen Finals sind meiner Meinung total unsinnig. Die Regelung bei der letzten WM in Glasgow fand ich viel spannender.

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